LA DOLCE LONGEVITA: Was die Italiener den Deutschen voraushaben – Teil 1/3

LA DOLCE LONGEVITA: Was die Italiener den Deutschen voraushaben – Teil 1/3

Obwohl Spanien aktuell das Land mit der höchsten durchschnittlichen Lebenserwartung ist, gibt es innerhalb von Europa die verhältnismäßig meisten Hundertjährigen im „Land des süßen Lebens“: Italien. Dort sind es mehr als 39 auf 100.000 Einwohner, die ein dreistelliges Alter vorweisen können.

Innerhalb des Landes findet sich die höchste Anzahl dieser Altersgruppe in der süditalienischen Region Cilento. Im dortigen Acciaroli ist ein Drittel der Bewohner über 100 Jahre alt. Dies ist ein höherer Durchschnitt als auf der japanischen Insel Okinawa – und dabei gilt Japan als das Land mit der weltweit höchsten Anzahl an Hundertjährigen.

Auch die italienische Insel Sardinien kann einen bemerkenswerten Anteil an Hochbetagten vorweisen. Insbesondere die Provinzen Ogliastra und Barbagia sind bekannt für ihre außergewöhnlich hohe Konzentration an Hundertjährigen und eine ungewöhnlich niedrige Rate an chronischen Krankheiten.

Sicherlich ist der bessere allgemeine Gesundheitszustand und die Langlebigkeit der Inselbewohner zu einem nicht unbeträchtlichen Teil dem mediterranen Gebirgsklima zu verdanken. Dennoch lohnt es sich, die Lebensweise der Bewohner der sogenannten „blauen Zonen“ näher zu betrachten, und diese anschließend der deutschen Lebensweise gegenüberzustellen.

Sozial-ökonomische Faktoren im Hinblick auf Gesundheit und Langlebigkeit

Natürlich dürfen dabei sozial-ökonomische Faktoren nicht außer Acht gelassen werden: Wohlhabende Menschen haben grundsätzlich eine höhere Lebensqualität. Ihnen steht eine bessere medizinische Versorgung und gesündere Ernährung zur Verfügung. Sie haben oftmals funktionierende, weitreichende Netzwerke und dadurch Zugang zu Wissen, Informationen und weiteren immateriellen Ressourcen, sowie bessere Möglichkeiten der regelmäßigen Erholung und für diverse gesundheitsfördernde Freizeitaktivitäten.

"La Dolce Longevita" kommt nicht von Wohlstand

Aber gerade im Hinblick auf sozial-ökonomische Faktoren ist es so interessant, die Lebensweise der Menschen der genannten italienischen Regionen zu betrachten: Es handelt sich nämlich um verhältnismäßig arme Regionen und daher ist der Gesundheitszustand und die Langlebigkeit dieser Menschen nicht in einem höheren sozial-ökonomischen Status begründet.

Wir lüften das Geheimnis von "La Dolce Longevita"

In dieser 3-teiligen Longevity-Artikelserie werden alle wesentlichen Gewohnheiten der besonderen, italienischen Lebensweise betrachtet, die laut Studien die Langlebigkeit, den allgemein besseren Gesundheitszustand und generell das Gefühl der Erfüllung – auch im höheren Alter – begründen.

Daraus ergeben sich praktikable Tipps, die sich auch in einem leistungsorientierten und industriell geprägten Land wie Deutschland gut umsetzen lassen. Sie sollen nicht als Aufruf dienen, die deutsche Lebensweise zu verwerfen – sondern als Inspiration, das Leben durch kleine Korrekturen so zu gestalten, dass es zu mehr Gesundheit, Erfüllung und somit auch zu einer potenziell höheren Lebensspanne führt.

Longevity-Gewohnheit #1: Hoher Konsum von Olivenöl

Italiener genießen nur das extra vergine Olivenöl höchster Qualität und davon reichlich. Im „Land des süßen Lebens“ ist Olivenöl ein Grundnahrungsmittel. Es dient als Gewürzmittel, zur Garnierung oder als Hauptbestandteil in vielen traditionellen Gerichten. Selbst süße Früchte werden damit beträufelt. Der gesundheitliche Vorteil ist enorm:

Dank eines hohen Gehaltes an Vitamin E und Polyphenolen hat Olivenöl eine stark antioxidative und entzündungshemmende Wirkung. Zudem kann es die Insulinsensitivität verbessern und das Risiko für Diabetes und Herz-Kreislauferkrankungen senken, was sich auch positiv auf den Blutdruck auswirkt.

Die einfach ungesättigten Fettsäuren im Olivenöl helfen, das schädliche LDL-Cholesterin zu reduzieren und schützen so die Gefäßwände. Auf der anderen Seite kann Olivenöl das „gute“ HDL-Cholesterin erhöhen, das zur Beseitigung von Cholesterin-Ablagerungen beiträgt und ebenfalls die Gefäße schützt. Weiterhin regt es die Gallenproduktion an und fördert somit die Verdauung. Gesunde Fette sind außerdem entscheidend für die Gehirnfunktion.

Das TV-Märchen vom gesunden Maiskeim- und Sonnenblumenöl

Dank Gehirnwäsche durch TV-Werbung glauben in Deutschland immer noch viele Menschen, dass Samenöle wie Sonnenblumen-, Raps-, Soja- und Maiskeimöl gesund wären – der Konsum ist dementsprechend hoch. Insbesondere in Fastfood, in industriell verarbeiteten Lebensmitteln und in fetthaltigen Snacks sind Samenöle praktisch allgegenwärtig.

Die Wahrheit ist aber, dass Samenöle besonders hohe Mengen an Linolsäure enthalten – eine zweifach ungesättigte Fettsäure, die zu den Omega-6-Fettsäuren zählt. Omega-6-Fettsäuren sollten jedoch im gesunden Verhältnis zu Omega-3-Fettsäuren (wie z.B. EPA oder DHA) stehen. Es gibt unterschiedliche Aussagen über dieses „gesunde Verhältnis“. Klar ist aber, dass die Zufuhr an Omega-3 deutlich überwiegen sollte – es wird teilweise eine 5-fache Menge an Omega-3 empfohlen. Der durchschnittliche Deutsche nimmt aber eine Menge von 20:1 zugunsten der Omega-6-Fettsäuren auf. Dies führt zu entzündlichen Prozessen im Körper, die für eine große Reihe an schweren Krankheiten, darunter auch Darmkrebs [1], verantwortlich sind.

Außerdem entstehen beim Erhitzen von Samenölen (wie es z.B. beim Frittieren von Pommes frites üblich ist) lipidische Oxidationsprodukte (LOPs) und toxische Aldehyde (z. B. 4-HNE, Acrolein) [2]. Neueste Studien belegen sogar, dass bereits Sonnenlicht und moderate Wärme chemische Veränderungen und Aldehydbildung in Samenölen verursachen kann [3]. Einer Studie zufolge erhöht eine sonneblumenöl-basierte Ernährung die Oxidationsanfälligkeit von LDL und somit das Risiko für Gefäßerkrankungen [4].

Brot mit Olivenöl und Kräutern statt Chips und Pommes

Daraus lässt sich klar schlussfolgern, dass der Konsum von Samenölen radikal reduziert und durch hochwertiges Olivenöl ersetzt werden sollte. Die Verwendung von hochwertigem Olivenöl ist zwar verhältnismäßig kostenintensiv, verzichtet man dafür aber auf Fastfood, industriell hergestellte Fertiggerichte und auf diverse fettreiche Snacks, die auf Samenölen basieren, ist die Investition dadurch schnell wieder eingespart.

Fastfood, die meisten Fertiggerichte, sowie fettreiche Snacks (wie z.B. Chips) bieten dem Körper ohnehin keinen lebensmitteltechnischen Mehrwert, sondern nur Füllmasse und sind oftmals versehen mit allerlei künstlichen und süchtig machenden Geschmacksverstärkern und anderen Chemikalien.

Als gesunde Alternative bietet sich ein frisches Dinkelciabatta oder -baguette mit Olivenöl und Kräutern an, sowie allerlei mit Olivenöl marinierte Antipasti, die man auch selbst zubereiten und vorrätig aufbewahren kann.

Longevity-Gewohnheit #2: Gemäßigter, aber regelmäßiger Konsum von Rotwein

Italien ist das Land des Weines, und so gehören Rot- oder Weißwein zu jedem guten Essen – auch mittags. Rotwein ist aufgrund der enthaltenen Traubenschalen und Traubenkerne generell gesünder als Weißwein. Er enthält signifikant mehr Antioxidantien wie Resveratrol und weitere Polyphenole, die das Herz-Kreislauf-System unterstützen und vor Krankheiten schützen können.

Studien belegen, dass mäßiger Rotweinkonsum in Verbindung mit einer mediterranen Ernährungsweise mit einem reduzierten Herz-Kreislauf-Risiko und geringerer Gesamtmortalität einhergeht [5].

Eine aktuelle Review schildert, dass eine kurzfristige Rotweineinnahme positive Effekte auf den Antioxidationsstatus, Lipidprofil, Entzündungs- und Thromboserisiko, sowie das Darmmikrobiom haben kann. Außerdem kann ein langfristiger Rotweinkonsum Nieren- und Herzfunktion bei Typ-2-Diabetes-Patienten schützen [6].

Eine renommierte Klinik legt dar, dass die im Rotwein enthaltenen Polyphenole die Blutgefäßwände schützen, HDL („gutes“ Cholesterin) steigern und Blutgerinnsel vermeiden können [7].

Mehrere Studien und Artikel weisen darauf hin, dass Resveratrol zumindest indirekt das Langlebigkeitsgen SIRT1 aktiviert [8,9,10].

Die Ärztezeitung schreibt sogar, dass ein Glas Rotwein am Tag die Leber schützen kann [11].

Ist der Konsum von Rotwein also gemäßigt und erfolgt in Kombination mit gesunder Ernährung, so überwiegt der gesundheitsfördernde Effekt des dunkelroten Getränkes deutlich.

Deutschland ist das Land der Biertrinker

In Deutschland wird Rotwein aber im Verhältnis zu Italien selten getrunken, z. B. zum gelegentlichen Essen beim Italiener. Stattdessen ist hierzulande Bier das mit Abstand am häufigsten konsumierte alkoholische Getränk – gerne auch gemischt mit zuckerhaltiger Limonade oder Fruchtsäften. Zwar enthält der Hopfen im Bier auch Polyphenole, jedoch in weitaus geringerer Menge.

Natürlich ist der goldene Gerstensaft aus der deutschen Kultur nicht wegzudenken. Dennoch ist es für alle, die auf ihr alkoholisches Getränk nicht verzichten und trotzdem ihrer Gesundheit Gutes tun möchten, eine Überlegung wert, auf Rotwein umzusteigen.

Wein als kultureller und sozialer Faktor

Rotwein steigert das Geschmackserlebnis guten Essens. Er passt u. A. zu herzhaften Fleisch- und Pilzgerichten, zu Pasta mit kräftigen, tomatenbasierten Soßen. Außerdem fördert das Trinken von Wein die langsamere und bewusstere Essensaufnahme – das Essen wird zum genussvollen Ritual, was im Gegensatz zum hastigen, rein zweckmäßigen Essen den Stresspegel senkt.

Nicht zu vergessen ist dabei, dass das Trinken von Wein auch einen kulturellen und sozialen Faktor beinhaltet: es fördert die Geselligkeit. Gemeinsames Kochen, Essen und Genießen, sowie die Priorisierung von Familie und zwischenmenschlichen Beziehungen sind weitere wichtige Aspekte der italienischen Lebensweise, die in der kommenden Fortsetzung dieser 3-teiligen Longevity-Artikelserie genauer betrachtet werden.

Referenzen

1. Integration of lipidomics with targeted, single cell, and spatial transcriptomics defines an unresolved pro-inflammatory state in colon cancer | Quelle: BMJ Journals 

2. Dietary Lipid Oxidation and Fried Food Toxicology | Quelle: National Library Of Medicine / PubMed Central

3. Analysis of the Generation of Harmful Aldehydes in Edible Oils During Sunlight Exposure and Deep-Frying Using High-Field Proton Nuclear Magnetic Resonance Spectroscopy | Quelle: National Library Of Medicine / PubMed Central

4. Sunflower oil does not protect against LDL oxidation as virgin olive oil does in patients with peripheral vascular disease | Quelle: ScienceDirect

5. Wine, resveratrol and health: a review | Quelle: National Library Of Medicine / PubMed Central

6. Health Effects of Red Wine Consumption: A Narrative Review of an Issue That Still Deserves Debate | Quelle: National Library Of Medicine / PubMed Central

7. Red wine and resveratrol: Good for your heart? | Quelle: Mayo Clinic

8. Mechanism of human SIRT1 activation by resveratrol | Quelle: National Library Of Medicine / PubMed Central

9. Review Artikel: SIRT1, resveratrol and aging | Quelle: Frontiers in Genetics

10. Resveratrol activates SIRT1 in a Lamin A-dependent manner | Quelle: Frontiers in Genetics

11. Täglich ein Gläschen Wein schützt das Herz und die Leber | Quelle: Ärztezeitung