LA DOLCE LONGEVITA: Was die Italiener den Deutschen voraushaben – Teil 2/3

LA DOLCE LONGEVITA: Was die Italiener den Deutschen voraushaben – Teil 2/3

Italien ist innerhalb von Europa das Land mit der höchsten Anzahl an Hundertjährigen.

Die hochbetagten Bewohner bestimmter italienischer Regionen zeichnen sich aber nicht nur durch ein hohes Alter aus, sondern auch durch einen allgemein besseren Gesundheitszustand im Alter und dem Gefühl eines erfüllteren Lebens.

In der Artikelserie „LA DOLCE LONGEVITA: Was die Italiener den Deutschen voraushaben“ werden die wesentlichen Gewohnheiten der italienischen Lebensweise untersucht, die laut Studien zu mehr Lebensqualität, besserer Gesundheit, Zufriedenheit und Langlebigkeit führen.

Im ersten Teil dieser Longevity-Artikelserie geht es um zwei typische Ernährungsgewohnheiten der Italiener: der hohe Konsum an Olivenöl und der gemäßigte, aber regelmäßige Konsum von Rotwein (empfohlen wird max. ein Glas pro Tag und im Idealfall zum Essen). Diese beiden Ernährungsgewohnheiten werden typisch deutschen Ernährungsgewohnheiten gegenübergestellt: dem hohen Konsum an Samenölen, welche oftmals unwissentlich durch den Konsum industriell hergestellter Lebensmittel eingenommen werden, und dem hohen Konsum an Bier, welches leider weniger gesundheitsfördernde Stoffe enthält als Rotwein.

In diesem zweiten Teil der Artikelserie geht es um die in Italien typische Priorisierung der Familie und zwischenmenschlicher Beziehungen, sowie die bewusst gemeinsame Nahrungsaufnahme als festen Bestandteil des Alltags. Die positiven Auswirkungen auf die Gesundheit werden auch hier wieder mit passenden Studien belegt.

Longevity-Gewohnheit #3: Gemeinsames Kochen, Essen und Genießen

Frei nach dem Motto „La vita è troppo breve per non godere“ (deutsch: „Das Leben ist zu kurz, um es nicht zu genießen“) machen die Italiener ihre alltägliche Nahrungsaufnahme zum „sozialen Event“. Es wird vorzugsweise gemeinsam gekocht, was auch das Kochen selbst viel mehr zu einer Quelle der Freude und weniger zu einer potenziellen Stressquelle macht, als wenn man in der Küche alleine mit Kochlöffel und Gewürzstreuern hantieren muss.

Der erstaunliche Effekt auf die Hormone

Das gemeinsame Essen und Genießen fördern zusätzlich die Oxytocin-Produktion. Oxytocin ist ein Hormon, dessen Produktion durch körperlichen Kontakt und durch positive soziale Interaktion angeregt wird.

Neben der Stärkung sozialer Bindungen sorgt Oxytocin auch für psychische Stabilität und die Fähigkeit, sich besser zu entspannen. Es gibt dem Menschen mehr Sinnhaftigkeit im Leben und vermindert die Tendenz zu Depressionen [1,2]. Es erhöht das Gefühl der Zufriedenheit [3] und senkt nachweislich den Cortisolspiegel [4]. Ein dauerhaft erhöhter Cortisolspiegel ist verantwortlich für eine große Bandbreite an negativen Auswirkungen im Körper – darunter Schlafstörungen, Erhöhung des Blutzuckerspiegels, Gewichtszunahme (insbesondere im Bauchbereich) und ein geschwächtes Immunsystem.

Selbst entscheiden, was man isst

Nicht zuletzt sind selbst gekochte Mahlzeiten gesünder als Fastfood oder industriell verarbeitete Lebensmittel. Man kann selbst entscheiden, welche Zutaten man verwendet und auf gesundheitsschädliche Zusatzstoffe verzichten.

Gemeinsames Kochen und Genießen - in Deutschland eher ein gelegentlicher Ritus

Auch in Deutschland wird gerne zusammen gekocht, gegessen und genossen. Allerdings handelt es sich dabei eher um einen gelegentlichen bis seltenen Ritus, der nicht so stark und fest in den Alltag integriert ist, wie das in Italien der Fall ist. Ähnlich wie in Spanien, wird in den ländlichen Gegenden Italiens auch heute noch die Mittagsruhe gewahrt. Diese dauert üblicherweise 3 Stunden – Zeit genug, um eine Mahlzeit gemächlich zuzubereiten und zu verzehren.

Der deutsche Arbeitsalltag lässt diesen Luxus in der Regel nicht zu. Hinsichtlich der nicht unerheblichen positiven Auswirkung auf die Hormonbalance und die daraus entstehenden gesundheitlichen Vorteile, lohnt es sich aber, den Solo-Netflix-Feierabend mit Pizza vom Bringservice gegen einen Kochabend mit Freunden zu tauschen – und sei es nur ein- oder zweimal die Woche.

Longevity-Gewohnheit #4: Priorisierung der Familie und sozialer Bindungen

Wir kennen das schon aus den italienischen Filmen: die Familie bedeutet alles – „La famiglia è tutto„, heißt es auf Italienisch.

Es wird nicht nur gemeinsam gekocht und gegessen – es wird auch vornehmlich gemeinsam gewohnt. Oma und Opa werden nicht im Altersheim abgeliefert, sondern im Mehrgenerationenhaus untergebracht und in den Alltag integriert. Kinder haben dadurch immer eine anwesende Vertrauensperson, wodurch auch die Gefahr der Vernachlässigung geringer wird. Konflikte werden gemeinsam ausdiskutiert. Es wird leidenschaftlicher gestritten, aber auch schneller verziehen.

Soziale Bindungen verbessern nachweislich die Gesundheit

Die zwischenmenschliche Kommunikation der Italiener ist generell offener und körperorientierter. Sie haben weniger Berührungsängste und umarmen sich häufiger. Selbstverständlich wird dabei ebenfalls jede Menge Oxytocin ausgeschüttet, was den Zusammenhalt und die Gruppenzugehörigkeit nochmals verstärkt. Auch das gemeinsame Lachen hat enorme gesundheitliche Vorteile – es reduziert Stresshormone (Cortisol), verbessert potenziell Immunparameter und hat sogar positive Effekte auf die kardiovaskuläre Gesundheit [5,6,7].

Soziale Bindungen verbessern den Schlaf erheblich [8] und können dadurch das Leben verlängern. Ein Mangel an sozialen Bindungen hingegen kann das Sterberisiko signifikant erhöhen [9,10].

Fokus auf menschliche Werte statt Statussymbole

Wo immer zwischenmenschliche Interaktion aber vom Bedürfnis beeinflusst wird, das Gegenüber mit Statussymbolen, Positionen und Erfolgen zu beeindrucken, entsteht zwangsläufig eine Kultur des Leistungsdrucks und des Wettbewerbs. Dies entzweit Menschen und schafft ein unterkühltes Klima, in welchem die Psyche latent leidet.

Nicht nur in Deutschland – in jedem industriell geprägten Land scheint Einsamkeit rapide zuzunehmen, insbesondere mit fortschreitendem Alter. Eine ganz bewusste Orientierung weg vom Protzen mit Statussymbolen und ständigem Kräftemessen, hin zu menschlichen Werten wie Nächstenliebe, Vergebung und Frieden kann uns alle nicht nur glücklicher, sondern auch gesünder machen und ist ein wahrer Anti-Aging-Hack für Gemüt und Körper.

Longevity-Gewohnheit #5: Aperitivo als festes Ritual

Beim Begriff „Aperitivo“ geht es nicht einfach um ein alkoholisches Getränk, sondern vielmehr um ein Ritual mit Freunden, das in Italien ebenfalls fester Bestandteil des Alltags ist. Konkret bezeichnet der Begriff das Öffnen eines alkoholischen Getränks, um anschließend den Abend gemeinsam zu genießen. Serviert werden kleine Essenshäppchen – meist in Form eines italienischen Büffets – und ein Aperitif. Natürlich funktioniert das Ritual auch ganz ohne Alkohol – wichtig ist das Beisammensein, das Lachen und das Genießen. Die gesundheitlichen Vorteile – sofern nicht im Übermaß geschlemmt oder getrunken wird – liegen auch hier wieder auf der Hand: allem voran die Senkung des Cortisolspiegels und die Produktion von Oxytocin.

Aperitivo statt Netflix & Smartphone

Interessant ist dabei, dass die Italiener diese Zeit ganz selbstverständlich freihalten, um sie mit Freunden zu verbringen – ganz entgegen dem bedenklichen Trend, den Tag mit Netflix oder am Smartphone ausklingen zu lassen. Die intensive Nutzung von Social Media Plattformen als Ersatz für zwischenmenschliche Interaktion trägt wesentlich zum subjektiven Gefühl der Einsamkeit und der persönlichen Unzulänglichkeit bei.

Aperitivo for all - es muss nicht immer viel Geld kosten

Mittlerweile ist das italienische Ritual auch in Deutschland angekommen und Bars und Restaurants bieten Aperitivo-Abende an, um wirtschaftlich davon zu profitieren. Dies führt nur dazu, dass das Pflegen von Freundschaften mit Geldausgaben verbunden ist und Menschen mit kleinerem Geldbeutel sogar zwangsläufig ausgeschlossen werden.  Die Italiener selbst feiern den Aperitivo meist zu Hause. Jeder Gast bringt etwas mit, um gemeinsam ein vielfältiges Büffet anzurichten – so kann jeder am Vergnügen teilhaben.

Gemeinschaft ist ein wahrer Jungbrunnen

Der zweite Teil dieser 3-teiligen Longevity-Artikelserie hat gezeigt, wie bedeutend zwischenmenschliche Beziehungen und soziale Bindungen sind. Gemeinsam verbrachte Zeit, gemeinsames Kochen, Genießen und Lachen machen nicht einfach nur Spaß, sondern sind ein wahrer Jungbrunnen und eine Quelle der Zufriedenheit. Studien zeigen, dass sie vielfältig und nachweisbar zur Erhaltung der mentalen und körperlichen Gesundheit beitragen.

Im dritten und letzten Teil werden drei weitere Gewohnheiten der italienischen Lebensweise betrachtet, die keinen Cent kosten, aber einen enormen Unterschied machen im Hinblick auf die Schwerpunkte Gesundheit, Zufriedenheit und Langlebigkeit.

Referenzen

1. Oxytocin: The love hormone | Quelle: Harvard Health

2. Oxytocin role in enhancing well-being: a literature review | Quelle: National Library Of Medicine / PubMed Central

3. Oxytocin Release Increases With Age and Is Associated With Life Satisfaction and Prosocial Behaviors | Quelle: Frontiers In Behavioral Neuroscience

4. Six interesting effects of oxytocin | Quelle: LiveScience

5. Laughter as medicine: A systematic review and meta-analysis of interventional studies evaluating the impact of spontaneous laughter on cortisol levels | Quelle: National Library Of Medicine / PubMed 

6. Humor and Laughter May Influence Health IV. Humor and Immune Function | Quelle: National Library Of Medicine / PubMed 

7. Healing Hearts with Humor: The Potential of Laughter Therapy in Cardiac Rehabilitation | Quelle: ABC Cardiol

8. Cuddling Might Help You Get Better Sleep | Quelle: Time

9. Social connection and mortality in UK Biobank: a prospective cohort analysis | Quelle: BMC Medicine

10. Social isolation, loneliness, and all-cause mortality in older men and women | Quelle: National Library Of Medicine / PubMed Central